Der russische Pope

Zwischen Gottesferne und Kriegshölle: Der schmerzhafte Weg eines Dorfgeistlichen zur Gnade.

Marina Achmedowa Lesezeit: ca. 67 Minuten

Im Schatten des Krieges an der ukrainischen Grenze ringt der strauchelnde Dorfpriester Vater Michail mit seiner schuldhaft zerbrochenen Ehe, dem eigenen Glauben und einer tiefen inneren Krise, bis er angesichts des Schreckens zu einer kompromisslosen, schmerzhaften Gnade findet.

Teil I

Vater Michail saß am offenen Fenster und blickte durch eine trübe Gardine auf den Hof, und es kam ihm vor, als gingen dort drei Popen entlang. Die Gardine flatterte unablässig hin und her und verdeckte ihm bald das eine, bald das andere Auge. Vater Michail seufzte qualvoll, rieb sich die Brust und rückte sein Brustkreuz von einer Stelle zur anderen. Dieselbe Bewegung hatte er heute nach der Liturgie im Gotteshaus vollführt: Mit ungehorsamen Fingern hatte er das Kreuz von der Brust gelöst und es von rechts nach links und von links nach rechts geschoben. Er gähnte und erinnerte sich nur vage daran, wie er Brot und Wein für die Liturgie bereitet hatte, wie er aus dem Altarraum getreten war, um zu räuchern, und dabei nur ein einziges Mal gestolpert war. Er erinnerte sich auch an das schelmische Lächeln, mit dem er durch den Weihrauchdunst auf die Gemeinde geblickt hatte, als sähe er sie zum ersten Mal. Er erinnerte sich an das blasse Gesicht der hageren Kerzenverkäuferin Arina, der beim Anblick seiner Person die Tränen kamen, und an die mürrische, in Schwarz gehüllte Semjonowna, eine alte, garstige, aber treue Gemeindefrau. Doch wie er die Heilige Dreifaltigkeit gepriesen hatte und mit dem Kelch aus dem Altarraum getreten war, das wusste er noch ganz genau. Zu diesem Zeitpunkt waren seine Beine endgültig weich geworden, in seiner Brust war ein kitzelndes, fröhliches Gefühl erwacht, und er hatte begonnen, das Kreuz auf seiner Brust hin und her zu schieben. Die Gemeindemitglieder hatten sich bereits in einer Schlange vor dem Kelch aufgestellt, die Arme wie kleine Kinder vor der Brust verschränkt, und Vater Michail, der ihre ernsten Gesichter musterte, kicherte in sich hinein. Zur Beichte war wie üblich Semjonowna als Erste herbeigestürzt und hatte begonnen, ihre absurden Sünden aufzuzählen. Vater Michail hatte das Kreuz berührt und es wichtigtuerisch gegen die Brust gedrückt, um das Kichern zu unterdrücken, doch er hatte nicht an sich halten können und war losgeprustet. Semjonownas Miene hatte sich noch mehr verfinstert, die Menschen, denen er bereits seit dreizehn Jahren diente, hatten betroffene Blicke gewechselt, und Arina hatte zu weinen begonnen. Vater Michail war betrunken gewesen.

Vater Weniamin betrat als Erster die Küche, ernst, rundlich und dunkel von Erscheinung. Hinter ihm kam Vater Aleksij, rothaarig, mit einem spitz zulaufenden Bärtchen. Zuletzt folgte Vater Grigorij, ein heller, breitschultriger Hüne, kräftig wie ein Recke. Alle drei stammten aus entlegenen Pfarreien des Gebiets. „Sie werden mich schelten“, dachte Vater Michail, „mir ins Gewissen reden, wie es der Wladyka getan hat.“ Der Wladyka hatte vor etwa zwei Wochen mit ihm telefoniert; er war streng gewesen, hatte ihn aber am Ende des Gesprächs sanft gebeten, zur Vernunft zu kommen.

„Väter …“, murmelte Vater Michail, erhob sich halb, ließ sich jedoch sogleich wieder auf den Stuhl plumpsen und lud sie mit einer ausladenden Geste ein, sich an den Tisch zu setzen.

Die Priester nahmen Platz. Vater Grigorij schloss zuvor das Fenster und stützte den Kopf auf die Hand, bereit, das Wort zu ergreifen, bemerkte jedoch einen klebrigen Teefleck auf dem Tisch und zog den Ellbogen zurück.

„Treibst du es immer noch so bunt, Vater?“, fragte er sanft.

Vater Michail lächelte nur und brummte etwas.

„Säufst du?“, fragte Aleksij nervös. Er hob das Kinn und sah Vater Michail kopfschüttelnd mit fiebrigen blauen Augen an. Es wirkte, als wolle er ihn mit seinem spitzen Bärtchen aufspießen. „Man sagt, heute hättest du dich kaum noch auf den Beinen halten können“, fuhr er fort. „Damit hörst du auf, verstanden? Hör auf damit!“ Vater Aleksij klopfte mit dem Finger auf den Tisch.

„Wer“, Vater Michail fuhr zusammen, „hat dir das schon wieder zugetragen?“

„Denunzianten, mein Lieber, finden sich immer“, brummte Grigorij mit tiefer Stimme, und Weniamin seufzte.

Alle drei kannte Vater Michail gut; an Feiertagen trafen sie sich und tauschten den Bruderkuss. Vater Michail war Taufpate des ältesten Sohnes von Grigorij und der jüngsten Tochter von Weniamin. Aleksij war der Taufpate seines Sohnes, Grigorij der seiner Töchter. Mit Vater Aleksij hatte Vater Michail das Seminar besucht. Aleksij entstammte einer Priesterfamilie, und man spürte in ihm diesen alten, schwächlichen Samen des Priesterstandes. Vater Michail selbst jedoch kam aus einer Ingenieursfamilie, die in einer südlichen Küstenstadt bei einem Erdölunternehmen gearbeitet hatte. Sein Entschluss, Priester zu werden, war plötzlich gekommen und nicht durch eine innere Erschütterung bedingt gewesen. Seine Verwandten waren gekränkt, als er im vierten Jahr sein Studium der Physik und Mathematik an der Universität abbrach. Nach dem Seminar war er in eine andere, an der Grenze gelegene Region versetzt worden, hatte lange Zeit die ihm zugewiesene Landgemeinde wiederaufgebaut, und eine Zeit lang hatten ihm diese drei Priester, Aleksij, Weniamin und Grigorij, die eigene Verwandtschaft ersetzt.

Vater Michail betrachtete sie gewohnheitsmäßig von unten herauf, doch in seinen großen, gequälten blauen Augen spiegelte sich das Lächeln von früher. Sein Gesicht war allzu blass, und um seine Augen lagen tiefe Falten, die vor einem halben Jahr noch nicht da gewesen waren, ebenso wenig wie die grauen Strähnen in seinem dichten, lockigen, dunklen Haar.

„Und damit man nicht aus der Art schlägt“, sagte Vater Michail mit einer beinahe lässigen Belehrungsmiene, „muss man das Ebenbild Gottes in sich bewahren. Mir aber hat man es herausgerissen. Herausgerissen“, wiederholte er, „und so bin ich geworden, wie ich nun bin.“

„Selbst im Feuer der Hölle bleibt die Seele ein Ebenbild Gottes!“, platzte Aleksij heraus, und sein knochiger Körper zuckte unter der Soutane.

„Das Ebenbild Gottes, das sind Vernunft und Freiheit“, fügte Vater Weniamin, der bis dahin geschwiegen hatte, sanft hinzu.

„Ta-ta-ta, Väter, lassen wir die Theologie beiseite“, unterbrach sie Vater Michail. „Seid ihr gekommen, um mich zu retten oder um zu streiten? Und was, wenn ich euch selbst eine Offenbarung unterbreite? Nach langem Nachdenken über das Unglück, das mich ereilt hat“ – er sprach mit ironischem Unterton –, „ist mir plötzlich klar geworden, dass das Ebenbild Gottes die Familie ist.“

„Der Mann ist das Ebenbild Gottes, und die Frau ist das Ebenbild des Mannes“, dröhnte Grigorij mit Bassstimme.

Weniamin schnaubte. Aleksij öffnete verblüfft seinen sommersprossigen Mund. Und Vater Michail schlug plötzlich die Hände vors Gesicht und weinte aufrichtig; seine massigen Schultern bebten.

„Das bedeutet also, dass ich ein ziemlich erbärmlicher Mann bin, wenn mein Ebenbild so aussieht“, sagte er mit brüchiger Stimme.

Die Väter schwiegen, seufzten und sahen einander an.

„Ein halbes Jahr ist bereits vergangen“, sagte Grigorij schließlich sanft. „Es ist an der Zeit, dich zusammenzureißen und an die Kinder zu denken.“

„Und was, wenn ich das nicht kann?“, fragte Vater Michail und sah ihm direkt in die Augen. „Was, wenn mir die Kraft fehlt, Trost zu finden?“

„Dann hol sie zurück!“, rief Grigorij und schlug mit der Hand auf den Tisch.

„Zurückholen?“, Vater Michail hörte auf zu weinen und begann vor Wut zu zittern. „Diese Kreatur zurückholen? Da stürze ich mich lieber vom Glockenturm, gleich kopfüber.“

„Dann tröste dich“, sagte Grigorij in demselben Ton, in dem er eben noch vorgeschlagen hatte, sie zurückzuholen.

„Auch das kann ich nicht“, hauchte Vater Michail. „Ich kann nicht“, wiederholte er, weinte erneut, ließ den Kopf hängen und begann zu jammern.

Aleksij murmelte Gebete vor sich hin und vergaß dabei nicht, missbilligend den Kopf zu schütteln, Weniamin lächelte schuldbewusst, und Vater Grigorij sprang auf und riss ächzend das Fenster auf. Die Gardine begann wieder zu flattern und stieß blind gegen das Gesicht von Vater Michail. Als dieser mit dem Weinen aufhörte und den Blick zu den Vätern hob, steckte Aleksij, als hätte er nur darauf gewartet, die Hand in die Tasche seiner Soutane, holte etwas hervor und legte es auf den Tisch, wobei er in seiner gewohnt maßlosen Art mit der flachen Hand darauf schlug. Als Vater Michail sah, was es war, wich er zurück.

„A-a-ah!“, rief Vater Aleksij triumphierend, als wollte er sagen: „Das habe ich doch gewusst!“ „A-a-ah! Aber darin liegt dein Heil!“

Auf dem Tisch lag ein schwarzer, geflochtener Mönchsgürtel.

Alle schwiegen. Vater Michail hob seine klaren Augen zu Aleksij.

„Hierin liegt das Heil“, äffte er ihn nach und verzog das Gesicht. „Sei nicht so pathetisch.“


Die drei Priester blieben bis zum nächsten Morgen in seiner Gemeinde. Die halbe Nacht sprachen sie über dies und das, und Vater Michail wurde etwas heiterer. Doch zwei Tage später erwachte er mit demselben schweren Gefühl, als hätte die ganze Nacht ein schweres Kreuz auf seiner Brust gelegen. Seit einem halben Jahr erinnerte er sich morgens, noch bevor er die Augen öffnete, im Augenblick des Erwachens nicht zuerst daran, wo und wer er war, sondern daran, was mit ihm geschehen war. Er starrte an die Schlafzimmerdecke, schon von einer solchen Schwermut ergriffen, dass er schreien wollte. Auch an jenem Morgen nach dem Besuch der Väter wollte er schreien, doch ein Stockwerk tiefer schliefen die Kinder: Ljonka, Julka und die anderthalbjährige Mascha. Nur Alkohol half ihm aus solchen Zuständen heraus. Doch das gestrige Gespräch mit den Vätern hatte Eindruck hinterlassen, und er hatte sich geschworen, heute nicht zu trinken.

Einfach ausgedrückt: Vater Michails Ehefrau, Matuschka Alexandra, hatte ihn betrogen. Nun musste er sie entweder zurückgewinnen oder ein Leben lang als Witwer leben. Jedenfalls hatte er kein Recht, ein zweites Mal zu heiraten, denn ein Priester wird nur zweimal getraut, das erste Mal mit einer Frau, das zweite Mal mit der Kirche, ein drittes Mal ist ihm nicht gegeben. Vater Michail fürchtete das einsame Leben, obwohl seine Ehefrau ja noch lebte, doch noch mehr fürchtete er den Weg des Mönchtums, den verwitwete Priester einschlagen. Aleksij forderte diesen Weg von ihm, doch diese Bürde überstieg seine seelischen Kräfte.

Seine Matuschka hatte er nach folgendem Prinzip gewählt: Vor der Priesterweihe musste man heiraten, und so suchte er sich eine Frau. Damals war er sechsundzwanzig, schlank und gutaussehend. Alexandra war eine entfernte Verwandte der Frau von Vater Aleksij, ein bescheidenes, zartes Mädchen von zwanzig Jahren mit dichtem, kupferfarbenem Haar. Am stärksten waren Vater Michail bei der ersten Begegnung ihre Augen aufgefallen, braun mit einem honigfarbenen Schimmer, ruhelos und neugierig wie bei einem jungen Reh, und diese Ähnlichkeit wurde durch die leicht breite Stirn und das spitze kleine Kinn noch unterstrichen. Vor der Hochzeit fragte er Alexandra nicht nach Liebe, sondern ob sie bereit sei für das Leben als Ehefrau eines Priesters, und Alexandra lachte die ganze Zeit verlegen, bis Vater Michail begriff: Da sie selbst aus einem Priesterhaus stammte, wusste sie besser als er, wie Matuschkas leben.

Sie lebten fast dreizehn Jahre glücklich miteinander. Ljonka wurde geboren. Vater Michail leitete die Restaurierung der alten Kirche, die noch im vorletzten Jahrhundert erbaut worden war, und baute gleichzeitig am Rand der Siedlung ein Haus für die Familie. Sie lebten in einem kleinen Wächterhäuschen bei der Kirche und führten ein einträchtiges Leben. Nach der Geburt von Ljonka schenkte ihnen Gott fünf Jahre lang keine Kinder mehr, doch Vater Michail glaubte dennoch nicht, dass Gott ihn, seinen so pflichtbewussten Diener, strafe. Er betete und bat, und schließlich wurde die Matuschka mit dem zweiten Kind schwanger. Vater Michail zweifelte nicht daran, dass dies durch seine Gebete geschehen war. Die Entbindung fiel auf Ostern, und es fügte sich so, dass der Bischof ihn in jenem Jahr zu sich rief und ihm als Zeichen großer Gnade seinen Entschluss mitteilte, ihn nach Jerusalem zu schicken, damit er das Heilige Licht empfange. Vater Michail war zunächst vor Freude entflammt; er hatte davon geträumt, Jerusalem zu besuchen, doch noch mehr freute ihn, dass der Bischof ihn unter allen anderen ausgewählt hatte. Er sah sich erneut darin bestätigt, dass er seinen Dienst gut verrichtete und der Bischof seine Bemühungen anerkannte. Doch als er sich erinnerte, dass Matuschka während der Geburt allein sein würde, lehnte er die Reise nach kurzem Überlegen ab, wobei er nicht vergaß, dem Bischof mehrfach verlegen zu danken. Er hatte so lange um ein zweites Kind gebeten, dass er die Gnade, bei der Geburt des Erbetenen anwesend zu sein, nicht gering schätzen konnte. Als er in seine Siedlung zurückkehrte, blieb er an einer Kreuzung stehen und ließ den Blick über das fette, schwarze Feld schweifen, das unterhalb der Straße lag. Krähen liefen bereits darüber hin. Von hier aus würde man hinter der Biegung den Glockenturm sehen, himmelhoch, weiß, mit Rissen in allen drei Stockwerken. Die ersten kalten Regenfälle hatten das Leben auf dem Feld bereits geweckt, und Vater Michail sog den beißenden Geruch der Erde in sich auf und sagte, während er sich für sein sentimentales Pathos schämte: „Hier ist mein Jerusalem.“

Bis zur dritten Niederkunft der Matuschka war auch das Haus am anderen Ende der Siedlung fertiggestellt und die Kirche vollständig restauriert, und Vater Michail hatte sich als Priester etabliert, zumindest schien es ihm so: Er glaubte, alles über Gott zu wissen, was einem sterblichen Menschen zu wissen gegeben ist. Für sich selbst träumte er damals nur von einem: in seinem Dienst den Gipfel zu erreichen. Diesen Gipfel stellte er sich wie ein hoch lodernde Feuer vor, das brennt, ohne zu verzehren. Er spürte, dass er diesem spirituellen Durchbruch nahe war, und das dritte Kind störte ihn dabei bereits. Stück für Stück zog er in das Wächterhäuschen der Kirche, unter dem Vorwand, dass auch dieses renoviert werden müsse. Anfangs gestand er sich ein, dass er sich vor der Familie versteckte, um diesen Gipfel zu erreichen und danach beruhigt nach Hause zurückzukehren. Um das Leben seiner Frau zu erleichtern, ließ er seine nicht mehr junge, aber rüstige Tante aus einer fernen Stadt in die Siedlung kommen. Doch Wochen und Monate vergingen, und Vater Michail kam nur noch an den Wochenenden in sein neues zweistöckiges Steinhaus, während er den Großteil seiner Zeit der Gemeinde widmete. Manchmal, wenn er mit den Angelegenheiten anderer beschäftigt war, hielt er inne und lauschte in sich hinein, in der Hoffnung, die ersten Zungen der erwarteten inneren Flamme zu erhaschen; es schien ihm, als stiegen sie in ihm auf und stünden kurz davor, aufzulodern. Doch sie loderten nicht auf, und er gewöhnte sich allmählich daran, von Matuschka getrennt zu leben.

Wenn er nach Hause kam, lief er ziellos durch die großen neuen Räume, setzte sich in den geschnitzten Sessel, den er bei einem bekannten Kunsttischler bestellt hatte, und nichts gefiel ihm, alles schien einen unangenehmen Beigeschmack zu haben. Matuschka hingegen war nach der dritten Geburt aufgeblüht; sie war nun dreiunddreißig, und obwohl sie rank und schlank geblieben war wie ehedem, war ihr Gesicht ein wenig breiter geworden, und ihre Augen blickten anders, königlich und herrisch, und ihre Bewegungen hatten etwas Schamloses angenommen. Zumindest schämte sich Vater Michail, wenn er ihr dabei zusah, wie sie einfach nur ging, das Bein so vor das andere setzend, als würde sie sich fast auf die eigenen Zehen treten, während sie dabei leicht hüpfte und die Brust herausstreckte, als wolle sie sagen: „Hier, nimm.“ Dabei warf sie ständig ihr Haar zurück, als brauchte sie es nicht mehr. „Sie geht, als stünde sie jede Minute unter den Blicken der Welt oder als hätte sie es mit Bettgeschichten zu tun“, dachte Vater Michail. Doch dass es einen Liebhaber gab, ahnte er nicht; einen solchen Gedanken konnte er gar nicht haben. Nichts dergleichen kam ihm in den Sinn, selbst als Ljonka, das Lieblingskind seiner Mutter, häufig in das Wächterhäuschen lief und schließlich ganz dorthin zog. Die neue, veränderte Alexandra zog Vater Michail nicht an. Manchmal, erschöpft von den Gemeindemitgliedern, setzte er sich abends in der Kirche auf die Bank, und vor seinem geistigen Auge erschien die frühere Matuschka, die er vermisste: klein, mit einem herzförmigen Gesicht und ruhelosen, neugierigen Augen, rein und naiv, wie er sie kennengelernt und zu Beginn ihrer Ehe gesehen hatte, als sie, den kleinen Ljonka an sich gedrückt, in ihrem gestrickten Kopftuch in der ersten Reihe stand und seiner Predigt lauschte, und ihm schien, als höre sie ihm mit ihrem ganzen Wesen zu. Er vermisste jene Matuschka, als wäre sie ein völlig anderer Mensch und nicht die Frau, mit der er jetzt zusammenlebte. All das schob er auf sein Alter, er war neununddreißig geworden, und er trauerte seiner eigenen glücklichen Vergangenheit nach. Und so wenig ihn diese Matuschka anzog, so wenig zog ihn irgendeine andere Frau an.

Einmal warf er seinem Sohn vor, dieser sei nicht zu Hause und kränke die Mutter durch seine Abwesenheit. Er erzählte ihm, wie er als Kleiner erkältet gewesen war und das Fieber gestiegen war; Vater Michail selbst war zu dieser Zeit in einer Nachbargemeinde gewesen und hatte dort einen Priester vertreten, und die Matuschka, die weder ihn noch den Krankenwagen hatte abwarten können, war mit dem kleinen Ljonka auf den Armen zu Fuß ins Kreiskrankenhaus gegangen. Sie hatten damals arm gelebt, er hatte es nicht mehr geschafft, ihr ordentliche Winterschuhe zu kaufen, und sie war in Herbststiefeln gegangen. Und während er all dies seinem Sohn erzählte, kam ihm ein Gedanke: Er machte sich doch selbst Vorwürfe dafür, dass er nicht nach Hause ging. Er stellte sich deutlich die kleine Gestalt seiner Frau vor, die mit dem Kind auf den Armen im Schnee über den Weg zwischen den Feldern ging, in ihren Herbstschühchen. Sie hatte sich damals die Füße nass gemacht, hatte an einer Frauenkrankheit gelitten und lange kein zweites Kind empfangen können. Beinahe hätte er vor Rührung geweint, als Wärme sein Herz durchflutete, und er gab sich das Versprechen, nach Hause zurückzukehren.

Zu dieser Zeit war Mascha neun Monate alt geworden, und Vater Michail selbst fühlte sich als reifer Priester: Predigten schrieb er nicht mehr, sie kamen wie von selbst zu ihm, und er spürte, dass er aus dem Herzen sprach. Im Herzen erwachte eine tiefe Ergriffenheit, doch so, wie die Natur der Tränen vielfältig ist und Menschen mal vor Glück, mal vor Freude, mal vor Kummer weinen, so kam auch ein und dieselbe Ergriffenheit aus unterschiedlichen Gründen: aus Freude, aus Mitleid, aus Liebe, aus der Erwartung von etwas Größerem. Wenn Vater Michail unter Inspiration sprach, schienen ihm die Worte nicht seinen Gedanken zu entstammen, sondern aus derselben Quelle herbeizufliegen, aus der bald das Feuer des Glaubens niedergesandt werden würde. In solchen Momenten war er sich sicher, dass er mühelos eine Predigt halten könnte, selbst in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale vor einer riesigen Versammlung verdorbener Hauptstädter. Und in seinen eigenen Augen wuchs er sogar dadurch, dass er eine kleine Gemeinde gewählt hatte, die einfachen Dorfbewohnerinnen Semjonowna und Arina, die Jahr für Jahr mit ein und denselben Sünden zu ihm kamen.

Es war Mitte Herbst, die Obstbäume raschelten vernehmlich, besonders zum Abend hin. Vater Michail spazierte nachdenklich über den Kirchhof, und in diesem Rascheln meinte er ein Hadern zu hören. Seit drei Tagen hatte er sich entschieden, für immer zu Matuschka zurückzukehren, doch er zögerte die Rückkehr Tag um Tag hinaus. „Etwas ist verloren gegangen“, sagte er sich. „Etwas Echtes ist verloren gegangen.“ Plötzlich schoss ihm ein so scharfer, unerwarteter Gedanke durch den Kopf, dass er mit der Hand den Stamm eines Kirschbaums umklammerte. „Wenn man niemals von seinem Menschen weicht, dann sind auch die Makel aus der Nähe nicht sichtbar“, sprach der Gedanke in ihm. Er war schlicht und banal, und Vater Michail mochte keine Banalitäten, aber dieser beeindruckte ihn, und er gab sich das feste Versprechen, am Morgen zu Matuschka zu gehen. Damit seine Rückkehr ihr nicht als Gnade erschien, beschloss er, ihr morgen einen Korb Rosen zu schenken.

Am Morgen musterte er die Rosenbüsche, die auf dem Kirchhof wuchsen, und es tat ihm aus irgendeinem Grund leid, sie abzuschneiden, zudem hatte er keinen Korb. Er bat ein Gemeindemitglied, ihn in die Stadt zu fahren, und dort erwarb er die größten, tiefroten Rosen mit großen Dornen. Er kaufte fünfzehn Stück. Ein Körbchen fand sich auch, doch es war zu klein, und Vater Michail legte die Rosen einfach obenauf unter den Henkel.

Vater Michail überschritt die Schwelle des Hauses, und die Stille rührte ihn. Die Kinder und Matuschka schliefen noch. Die neuen Holzdielen wirkten im warmen Herbstlicht, als wären sie von unzähligen Generationen von Kindern abgetreten worden. Vater Michail stieg in den zweiten Stock zum Schlafzimmer hinauf, berührte das warme, sonnenüberflutete Geländer, und es schien ihm, als hätte seine Familie tatsächlich viele Jahre in diesem Haus gewohnt, die Kinder seien herangewachsen, und er selbst wäre nie von hier fortgegangen. Dieser Eindruck verstärkte sich, als sein Blick im Wohnzimmer auf den geschnitzten Sessel fiel. Es schien, als wäre auch dieser Sessel nicht neu, als hätte er zehn, ja sogar zwanzig Jahre lang die Abende darin verbracht. Als er die Schlafzimmertür öffnete, standen ihm Tränen der Rührung in den Augen.

Er trat leise, das Körbchen in der Hand, ein und erstarrte am Bett, neugierig betrachtete er den jungen, dunklen Körper mit dem dunklen Nacken, der von einem Laken bedeckt war. Der Körper war männlich, und Vater Michail dachte im ersten Moment voller Schrecken: „Was hat er Matuschka angetan? Wo ist sie?“ Er erbleichte ganz, atmete keuchend und stützte sich mit dem Körbchen am Bett ab. In diesem Moment knarrte die Badezimmertür leise, und die völlig nackte Matuschka trat heraus. Vater Michail wandte ihr seine verwunderten Augen zu, im ersten Moment erfreut darüber, dass sie lebend erschienen war, und riss den Mund auf. Matuschka hatte ihn noch nicht bemerkt. Sie ging zum Bett und warf dabei ihr üppiges Haar nach hinten. Sie kreuzte die Beine, trat fast mit der Ferse auf den Zeh, und die weichen Wölbungen ihrer weißen Brüste hüpften. Vater Michail stieß einen schwachen Schrei des Entsetzens aus und wich zurück. Ihre Blicke trafen sich, und ihr Gesicht verzog sich zu einer Grimasse aus Erstaunen und Angst. Der Mann, der auf dem Bett lag, hob den Kopf vom Kissen, sah sich schnell im Zimmer um und stürmte Hals über Kopf zur Tür hinaus. Die Tür schlug dumpf gegen den Rahmen und fiel zu.

Von diesem Knall schien Vater Michail wie aus einem Traum zu erwachen; er zuckte zusammen, ein Ruck durchfuhr seinen ganzen Körper, und er ging auf seine Frau zu, den Korb in der einen Hand, die andere mit gespreizten Fingern in die Luft gestreckt. Matuschka schrie auf und wollte fliehen, doch er packte sie an den Haaren und krächzte: „Blumen für dein Grab, Miststück!“, dann tauchte er ihr Gesicht direkt in die Rosen. Matuschka leistete zuerst keinen Widerstand, doch als die Dornen ihr Gesicht berührten, zuckte sie zusammen. Vater Michail drückte mit verzerrtem Lächeln, geblähten Nüstern und wild hervortretenden Augen ihren Kopf noch fester hinab, hörte das Knacken der brechenden Rosenstängel und begriff plötzlich, dass seine Frau so viel schwächer war als er, dass er sie leicht mit einer einzigen Hand umbringen konnte. Außer sich hob er sie hoch, sie fest an den Haaren haltend; ihr Körper wurde schlaff, Blut floss ihr über Wangen und Stirn. Er führte ihr Gesicht an seines heran, und als sie sein Lächeln und seine wild hervortretenden Augen sah, schrie sie auf, zitterte und versuchte, sich loszureißen, doch er stieß ihren Kopf noch einmal in die Rosen. Er drückte, bis sie aufhörte, sich zu wehren, und begriff bereits, dass er sie umbringen würde. Dieser Gedanke bereitete ihm Vergnügen, und er war bereit, für dieses Vergnügen mit seiner Freiheit, mit seinem ganzen Leben zu bezahlen. Er wollte ihr nur noch einmal ins Gesicht sehen. Er hob sie erneut hoch; sie zitterte nicht mehr, erstarrt wie tot, und ihre Augen waren von einem trüben Schleier überzogen, wodurch sie stumpf wurden, wie auch ihr ganzes Gesicht.

„Pfui!“, Vater Michail stieß sie plötzlich von sich und blickte mit Ekel auf seine Hand. Ihm kam es jetzt so vor, als hätte er eine Tote geschlagen. „Du bist ja gar kein Mensch! Verschwinde! In einer Stunde will ich dich nicht mehr hier sehen.“

Er verließ das Haus, ging zur Kirche und irrte dort unter den Bäumen umher; er riss die Zweige auseinander und knickte sie ab wie ein Bär. Unter der Soutane straffte er die Schultern, als wolle er sie für eine schwere Arbeit lockern. Vor seinem geistigen Auge sah er noch immer die stumpfen Augen seiner Frau und schauderte vor Ekel. „Alexandra gibt es nicht mehr“, stieß er hervor. „Sie ist gestorben. Die da ist eine andere.“ Keine Stunde verging, da holte er aus dem Wächterhäuschen eine Axt und machte sich auf den Weg zurück zum Haus; er brummte und knurrte, schwang die Axt und versetzte die Passanten in Angst und Schrecken. Im Haus kam ihm die verängstigte Tante mit einem Säugling auf dem Arm entgegen; hinter ihr kauerte Julka. Als sie ihn sah, brach die Tante in Tränen aus. Mit ihr begann auch Julka zu weinen, und der Säugling fing an zu schreien. Vater Michail ließ die Axt fallen und begann ebenfalls zu weinen.

Von jenem Tag an sah niemand mehr die Matuschka im Dorf, ebenso wenig wie ihren Liebhaber, der sich als Cousin der Nachbarin entpuppte, ein Zugezogener aus Kursk. Vater Michail begann schon bald zu trinken, und der Alkohol verschaffte ihm Erleichterung. Er trank morgens und abends. Selbst der Bischof bat ihn, seine Frau wieder aufzunehmen, doch Vater Michail lehnte kategorisch ab. Aber auch wie ein Witwer wollte er nicht leben. Er fürchtete nicht die Abstinenz, sondern die Einsamkeit. Wenn er nicht trank, überkamen ihn schreckliche Wutanfälle, und er bereute es, die Matuschka an jenem Tag nicht angetroffen zu haben, als er mit der erhobenen Axt herbeigeeilt war. Die mittlere Tochter verstand nichts und fragte, wo Mama sei, doch der zwölfjährige Ljonka verstand alles und fragte nach nichts. Vater Michail versah seinen Dienst lustlos, eher aus Gewohnheit, und er hatte aufgehört, sich als vollwertigen Priester zu betrachten.

Am Tag nach dem Besuch der Väter versuchte er sich an verschiedenen Arbeiten: Mal wollte er den Hof fegen, ließ es aber sein, mal die Baumstämme weißeln, ließ es aber wieder sein, mal nahm er ein Buch zur Hand und stieß es sofort wieder von sich. Die Tante schien ihm absichtlich hinterherzulaufen und vor sich hin zu murren, wobei sie Abstand hielt, doch schließlich begann in ihrem unaufhörlichen Gemurmel mitzuschwingen: „Was hast du denn erwartet? Du hättest die Familie nicht verlassen sollen. Jetzt hol sie zurück.“

„Was?“, fragte Vater Michail und drehte sich zu ihr um, da er es nicht mehr aushielt.

„Nichts, nichts, Mischenka“, seufzte sie. „Nichts, gar nichts.“

Vater Michail wusste, dass die Tante oft, nachdem sie sich in ihr kleines Zimmer eingeschlossen hatte, das er „das Witwenkämmerlein“ getauft hatte, mit der verstoßenen Matuschka telefonierte und ihr alles berichtete. Er verbot es ihr nicht, nicht weil er in Betracht zog, sie jemals zurückzuholen, sondern weil ihm schon das Gespräch über sie unangenehm war. Doch die Tante sagte ihm mit jedem Blick und sogar mit dem Schlurfen ihrer Schritte: „Hol sie zurück. Hol sie zurück.“

Zur Mittagszeit ging er zur Kirche. An diesem Tag erschien sie ihm, wie sie so ordentlich dastand mit ihren runden, rissigen Mauern, im Licht der Aprilsonne von einer blendenden Reinheit, und er stand lange vor dem Eingang, ohne es zu wagen, hineinzugehen. Er ging einige Male an der Mauer entlang. Wer ihn so sah, hätte meinen können, er grüble über etwas nach, doch er wagte es schlicht nicht, das Gotteshaus zu betreten. Auf die weiße Mauer, die er noch vor einem Jahr mit eigenen Händen gestrichen hatte, fiel das Sonnenlicht in einem Bündel; sie strahlte, als hätte sie sich in eine Leinwand verwandelt. Bald begann Vater Michail interessiert, seinen eigenen Schatten zu beobachten, der auf dieser Leinwand hin und her huschte. Er begann absichtlich, schnell an der Mauer entlangzugehen, hin und her. Über seinem Kopf wiegten sich die Zweige der Kirschbäume, an ihnen hatten sich bereits Knospen gebildet, doch auf der Mauer spiegelten sie sich als vergrößerte, dunkle Tatzen wider, und es war, als beschleunige auch all das, die Zweige, die Knospen, die Bewegung auf der Wand; es raste hinter Vater Michail her und schien ihn einfangen zu wollen. Er hörte auf zu rennen, ging langsam auf den Kirschbaum zu und drückte seine Stirn gegen den Stamm.

In diesem halben Jahr war er gealtert. Nicht nur in seinem wilden schwarzen Haar zeigten sich silberne Fäden, auch seine Haut war von tiefen Falten durchzogen. Wieder überkam ihn das Bedürfnis zu schreien. Er dachte daran, dass er seit dem Weggang der Matuschka nichts anderes mehr wollte, als zu schreien. Und würde er sich nicht darum scheren, was die Leute dachten, die ihn für verrückt halten würden, dann hätte er einfach geschrien, und sofort wäre ihm leichter ums Herz gewesen. Er machte sich auf den Weg zum Glockenturm. Die alten hölzernen Stufen knarrten unter seinen Schritten. Oben im letzten Geschoss angekommen, blickte er hinab auf die Dächer, die Höfe und Gärten, hob die Augen zum Himmel und packte das Seil. Die Glocke schlug an. Vater Michail blickte zum Himmel und schrie: „Na, und was willst du mir jetzt noch antun? Nichts! Du bist doch gerecht! Und nach der Gerechtigkeit schuldest du mir etwas. Du schuldest es mir!“ Wütend riss er an dem Seil, alle drei Glocken, die große, die mittlere und die kleine, begannen auf skandalöse Weise zu läuten; ein chaotisches Geläut ergoss sich über das Dorf. Vater Michail hüpfte auf der Stelle, sein Haar war zerzaust und klebte ihm wie Schlangen im Gesicht; er lachte und kreischte: „Die Priestersfrau ist fremdgegangen! Na?! Nicht bei Aleksij, nicht bei Weniamin, nicht bei Grigorij, sondern bei mir! Na, und was willst du mir jetzt noch antun?!“

Unten hatten sich die Leute versammelt, sie blickten mit in den Nacken gelegten Köpfen zum Turm hinauf, und Vater Michail begann zu glauben, dass mit dem Geläut tausende Kreuze von seiner Brust rissen und auf die Erde stürzten.

Teil II

Fünf Jahre waren vergangen. Vater Michail hatte das Trinken längst aufgegeben; er lebte ohne seine Frau, war aber offiziell noch mit ihr verheiratet. Er war inzwischen zur Ruhe gekommen, und Zornausbrüche erlebte er nur noch selten. Er versah seinen Dienst aus Gewohnheit, sein religiöser Eifer war völlig erloschen. Eines Tages fuhr er zu Vater Weniamin und beichtete bei ihm. „Ich brenne für nichts mehr, ich begehre nichts mehr“, gestand Vater Michail. Weniamin riet ihm, sich an den Eingang des Gotteshauses zu stellen und den Menschen beim Hinausgehen in die Augen zu blicken.

„In ihnen spiegelt sich der Glanz des himmlischen Glaubens“, sagte er verlegen. „Auf Erden lässt er sich nur in den Augen der Gläubigen wahrnehmen.“

Weniamin kannte den spöttischen Charakter seines Freundes genau und fügte daher hastig hinzu, dieser Rat stamme nicht von ihm selbst, sondern sei von einem Starez aus der Optina-Einsiedelei überliefert, als dieser noch am Leben war. Weniamin hatte ihn an sich selbst erprobt und gab ihn aus aufrichtigem Herzen weiter. Vater Michail schätzte Weniamin, und am nächsten Tag stellte er sich an den Eingang seiner Kirche.

Hinter den Kirchentüren spendete Vater Weniamin noch die Kommunion und nahm die Beichte ab, während Vater Michail, die Augen neugierig zusammengekniffen, die Blicke der ersten Menschen auffing, die hinaustraten. Nach und nach kamen die Leute heraus, und viele blickten verwundert auf den unbekannten, starrenden Priester, halb ergraut, mit dickem Bauch, in einer vorn etwas zu kurzen Soutane, die alte Schuhe mit eckigen Kappen entblößte. Doch er hatte klare, blaue Augen. Viele lächelten ihm zu. Schließlich empfand Vater Michail angesichts dieses Lächelns in seiner Brust etwas, das der Rührung glich, und da er das für ausreichend hielt, wollte er schon gehen. Doch in diesem Moment trat eine junge Frau aus der Kirche, die ein kleines Mädchen an der Hand hielt. Die Frau war klein, biegsam, trug eine Strickmütze auf ihrem roten Haar und erschütterte ihn durch ihre Ähnlichkeit mit seiner jungen Matuschka so sehr, dass er in Tränen ausbrach. Unwillkürlich folgte er der Frau; diese spürte es, drehte sich um, sah ihn aus nächster Nähe und fuhr erschrocken zurück. Vater Michail wurde blass, seine Lippen und sein Bauch begannen zu beben. Er ging fort, weinte vor Kränkung und hatte das Gefühl, als hätte Alexandra ihn ein zweites Mal verraten. Immer wieder wiederholte er: „Da hast du ihn, deinen Glanz.“

Kurz nach diesem Vorfall begann der Krieg, und Vater Michail schickte seine Töchter mit der Tante in seine südliche Heimatstadt. Der inzwischen herangewachsene Ljonka blieb bei ihm, und Vater Michail gewöhnte sich an, stolz vor sich hin zu sagen: „Ich selbst gehe nirgendwohin. Ich habe mich mit der Kirche vermählt. Meine Frau hat mich verraten, aber die Kirche werde ich nicht verraten.“

Erstaunlicherweise hatten sich sowohl er selbst als auch die Dorfbewohner schnell an den Krieg gewöhnt. Im Februar zweiundzwanzig hatte die Militärtechnik, die durch das Dorf zur ukrainischen Grenze zog, sie noch sehr verschreckt, aber danach zeigte sich der Krieg nur noch im Lärm ferner Explosionen, und ab und zu, sehr selten, verirrte sich ein Geschoss in ihr Dorf, doch glücklicherweise war bis dahin niemand getötet worden. Vater Michail war in seinen Predigten ein wenig lebhafter geworden, wenn auch nicht aus leidenschaftlicher Begeisterung, und er riet oft dazu, nicht nach dem „Warum?“ zu fragen. „Ihr lebt an der Grenze“, sagte er. „Der Krieg kommt zuerst an die Grenze. Warum sich wundern? So war es schon immer. Hätten wir nicht die Kraft, diese Prüfung zu bestehen, hätte der Herr sie uns nicht geschickt.“ Doch wenn er diese Worte aussprach, spürte er dennoch, dass sie nicht wahr waren: Man nehme nur ihn, den Priester, der im Glauben gelebt hatte, dass Gott ihn liebt, und dann hatte Gott ihn sich vorgenommen und ihm eine Prüfung geschickt. War er ihr gewachsen oder nicht? „Und bist du ihr gewachsen oder nicht?“, fragte er sich spöttisch und fand keine Antwort. Einerseits schien es, als sei er ihr gewachsen: Er hatte keine schwere Sünde begangen und schien nun gleichsam zur Ruhe gekommen zu sein. Doch nach seinem Verständnis sollte ein Mensch aus Prüfungen besser und stärker hervorgehen, Vater Michail aber war schwach und gekränkt daraus hervorgegangen und empfand die Prüfung, die der Herr ihm auferlegt hatte, als Strafe. Und deshalb stieg in ihm, wenn er in seinen Predigten solche Worte äußerte, zusätzlich noch ein Gefühl der Scham darüber auf, dass er log.

Einmal, während einer Predigt über den unglücklichen Hiob, dem Gott alles genommen hatte, wurde er von einer hysterischen Frauenstimme unterbrochen. „Vater Michail, Schluss mit Hiob!“, schrie die örtliche Unternehmerin Marija Iljinitschna. „Sag uns lieber, unterstützt du selbst den Krieg mit der Ukraine oder wie?“ Vater Michail drehte sich um und blickte mit Erstaunen und Missbilligung auf ihr breites, grobes Gesicht. Über dem Kopf trug sie ein durchsichtiges schwarzes Kopftuch, das sie mit der Hand unter dem Kinn festhielt. An jedem ihrer dicken Finger glänzte ein Goldring. Marija Iljinitschna baute zusammen mit ihrem Mann, dem stellvertretenden Leiter der Verwaltung, Kartoffeln an. Sie war die reichste Frau in der Gegend. Zurzeit machten ihr die Beschüsse das Leben schwer, denn ihre Felder lagen direkt an der Grenze zur Ukraine.

Vater Michail löste das Kreuz von seiner Brust, rieb es und kniff ein Auge zu. Eine Zeit lang schwieg er, doch plötzlich hob er den Kopf, sah Marija Iljinitschna mit klaren blauen Augen an und sagte:

„Magd Gottes Marija, du weißt selbst, ich bin kein Eroberer und kein Imperialist. Aber was soll ich tun, wenn ich Odessa aufrichtig für eine russische Stadt halte? Nur durch eine Ironie des Schicksals ist sie ukrainisch. Ich hege keinen Groll gegen die Ukrainer, aber wenn man diese Ironie korrigieren kann, dann bin ich als waschechter russischer Pope, auch wenn ich sündig bin“ – Vater Michail bekreuzigte sich fröhlich –, „nur dafür.“

Die Menge um ihn herum lachte. Marija Iljinitschna schnaubte wütend, drohte ihm mit dem dicken Finger und verließ, ohne ein weiteres Wort zu sagen, die Kirche, wobei sie schwer mit ihren massiven Hacken auftrat.

„Wie? Was?“, Vater Michail hielt sich schalkhaft die Hand ans Ohr. Die Gemeindemitglieder summten und lachten. „Und Charkow ist eine russische Stadt? Und Nikolajew? Ich bin absolut dafür!“

Er hörte auf zu lachen, als hätte sich seine Stimmung augenblicklich gewandelt, und runzelte die Stirn. Auch die Gemeinde wurde finster. „Wir sind doch miteinander verbunden“, dachte Vater Michail plötzlich und erinnerte sich an den Tag, an dem er auf dem Glockenturm getobt hatte. Nach diesem Vorfall hatte sich ein Teil der Gemeinde von ihm abgewandt. Marija Iljinitschna war die Erste gewesen. Früher hatte diese reiche Unternehmerin, die ihre Sünden bei der Beichte nur mühsam herauspresste, großzügig für das Gotteshaus gespendet, doch nach dem Vorfall auf dem Glockenturm hatte sie damit aufgehört. Aber sie wie auch die anderen hatten nach einer Weile zu ihm zurückkehren müssen. „Es gibt ja keine anderen Priester im Dorf“, sagte sich Vater Michail mit bitterem Lächeln. Jetzt seufzte er schwer und wollte mit der Hiob-Predigt fortfahren, doch kaum hatte er den Mund geöffnet, wurde er erneut unterbrochen.

„Und warum müssen unsere Kinder leiden?“, rief eine andere Frauenstimme.

Vater Michail erkannte sie. Es war Wera, die Lehrerin. Wera war etwa fünfunddreißig, sie war in diesem Dorf geboren, ihr Mann, ein Traktorfahrer, war vor etwa zwei Jahren gestorben und kurz nach ihm Weras Schwiegermutter. Seitdem erzählte Wera bei jeder Beichte, wie sie vergessen hatte, ihrer kranken, leidenden Schwiegermutter die nötige Medizin zu geben, und fügte sogleich hinzu, dass sie dies ohne Absicht getan habe. Er erinnerte sich jetzt daran, als er ihre Stimme hörte.

„Es steht uns nicht zu, zu urteilen, warum!“, antwortete er gebieterisch. „Gott wollte es so.“

Er betrachtete die hagere, kränklich wirkende Wera. Sie breitete erstaunt die Hände aus. „Wie, er wollte? Einfach so wollte er, und das war’s?“, fragte sie.

„Einfach so wollte er“, schnitt Vater Michail ihr das Wort ab. „So ist nun einmal Gott! Er hat es so beschlossen! Sein Wille. Punkt!“

Die Menschen wurden beängstigend still. In der eingetretenen Stille hallte das Echo seiner letzten Worte scharf durch die Kirche, Worte, in denen er selbst deutlich ein Hadern vernahm. Er lauschte dem Nachhall seiner eigenen Rede, aus Angst, das Hadern könnte am Ende des Echos in Lästerung übergehen. Er runzelte die Stirn, blickte in die Menge, doch aus irgendeinem Grund sah er nicht die Menschen vor sich, sondern ihre Sünden. Da, unter dem Kronleuchter, stand Marija Iljinitschnas Mann, Alexei Wiktorowitsch, korpulent, mit beginnender Glatze und einem blassen, mehlig wirkenden Gesicht. Er betrog seine Frau mit Jelena, der Buchhalterin im Unternehmen seiner Frau. Jelena war auch hier; sie stand hinter ihm, eine ausgeblichene Blondine. Und ihr Ehemann war auch dabei. Igor, ein Bauarbeiter; er trinkt nicht, aber er betrügt seine Kunden. Alle waren sie hier, sündig und durch ihre Sünden miteinander verbunden. Und indem er so streng auf die schweigenden Gemeindemitglieder blickte, band er sie durch ihre Sünden aneinander wie mit Stricken, bis sein Blick am asketischen Gesicht der Kerzenverkäuferin Arina hängen blieb; sie war eine wahrhaft gottesfürchtige Frau und lebte wie eine Nonne. Vor etwa einem Jahr war Vater Grigorij zu Besuch gewesen und hatte Arina und ihrer Kollegin eine Ikone der Heiligen Kosmas und Damian geschenkt. Arina hatte sich geschämt, sie mit nach Hause zu nehmen, die Ikone war für die Kirche und für beide bestimmt gewesen, doch die Kollegin hatte sie ungefragt mitgenommen und erst danach Arina gefragt, ob sie etwas dagegen habe; sie hatte sie bereits über das Bett ihrer kranken Mutter gehängt, aber wenn Arina es verlange, werde sie sie abhängen und zurückbringen. Vater Michail hatte seine Kerzenverkäuferin noch nie in einer solchen Wut gesehen. Auf ihre eingefallenen Wangen war das Rot zurückgekehrt, ihre hohle Brust bebte, als sie zu Vater Michail sagte: „Ich hätte ihr nicht erlaubt, die Ikone mitzunehmen, sie ist für die Kirche. Aber sie hat alles so gedreht, dass ich sündigen müsste, indem ich sage: ‚Nimm sie deiner kranken Mutter weg‘, dabei sage ich das nicht, und am Ende stehe ich trotzdem als die Dumme da. Aber ich bin nicht dumm! Sie hätte vorher fragen müssen!“ Arina schwor, ihrer Kollegin zu vergeben, aber bei der Beichte brachte sie immer wieder dieselbe Sünde vor: den Zorn. Und Vater Michail wunderte sich, woher in diesem hinfälligen, farblosen Körper so viel endlose Wut kam.

Vater Michail rieb sich die Brust und rückte aus Gewohnheit das Brustkreuz zurecht. Er öffnete den Mund, um an die Nächstenliebe zu erinnern und zum Verzicht auf die Sünde aufzurufen, doch er schloss ihn wieder. „Wer sündigt denn nicht?“, fragte er sich. „Sie? Mitnichten. Du selbst bist genauso.“ Er winkte ab und verließ das Gotteshaus; nur bei den Kindern blieb er stehen und segnete sie mit besonderer Zärtlichkeit und Fürsorge.

Es war Anfang August, die Tage waren heiß, und Vater Michail schlief schlecht. Er legte sich unter das offene Fenster, von wo aus in Wellen feuchte Schwüle hereinströmte. Er träumte vorwiegend Schlechtes; nach dem Erwachen erinnerte er sich nicht mehr an die Träume, sie hinterließen lediglich ein Gefühl, das an Sodbrennen erinnerte. In diesen Nächten schreckte er oft hoch, in kalten, klebrigen Schweiß gebadet, setzte sich auf die Bettkante und starrte aus dem Fenster auf den grauen Streifen am Nachthimmel. Es war noch zu früh zum Aufstehen, und Schlafen war ihm zuwider, also saß er einfach da, schwankte mit geschlossenen Augen, dachte an dies und das oder sank in ein Dämmern, aus dem er mit einem erschrockenen Ausruf hochfuhr, ohne sich an etwas erinnern zu können. In einer solchen Nacht, während er wieder so auf dem Bett saß und die Augen aufriss, begriff er, dass die Schüsse lauter waren als gewöhnlich und man förmlich die Detonationen hörte. Er warf die Soutane über und ging in den Hof. Alles war still, in den Häusern der Nachbarn brannte kein Licht.

Er beschloss, eine Runde zu gehen, und lief den Pfad entlang zum Zentrum, im Licht des grauen Streifens, der am Himmel breiter geworden war. Die Mücken schwirrten noch in den Baumkronen, und Vater Michail bereute schon, aufgestanden zu sein. Schließlich wurde hier schon im dritten Jahr in Folge geschossen, und bis jetzt war nie etwas passiert, und er würde den ganzen Tag wie gerädert herumlaufen; es war erst vier Uhr morgens. Am Himmel war kein Stern mehr zu sehen, und der graue Streifen verschwamm zusehends und verlor seine Konturen. Vater Michail bog ab und blieb wie angewurzelt stehen. Am Himmel meinte er drei riesige schwarze Mönche zu sehen. Sie beugten sich herab und blickten ihn an. Er hob die Hand zur Stirn, um sich vor der Erscheinung zu bekreuzigen, doch im selben Moment erkannte er, dass es drei schwarze, fette Rauchsäulen waren, die aus der Erde emporstiegen. Sie wuchsen bis zur unteren Grenze des grauen Streifens, vermischten sich aber nicht mit ihm, sondern neigten sich, als würden sie sich verbeugen. Er rannte in diese Richtung und sah, dass am zentralen Platz das Lebensmittelgeschäft, das alte Postgebäude und ein zweistöckiges Wohnhaus brannten. Das Feuer loderte hoch, knisterte, in ihm flackerten helle goldene Punkte auf, Fetzen lösten sich ab, stiegen empor, und es wirkte, als zögen feurige Wolken über den dunklen Himmel.

Man hörte das Geräusch eines heranrasenden Autos. Neben ihm hielt der große schwarze Geländewagen von Marija Iljinitschna. Am Steuer saß ihr blasser Ehemann. Marija Iljinitschna war ebenfalls dabei und drückte eine Transportbox mit einem winzigen Hündchen an ihren Bauch.

„Sie rücken vor!“, rief Alexei Wiktorowitsch. „Wir versuchen, uns in die Stadt durchzuschlagen.“

„Steigen Sie ein, Batjuschka, kommen Sie mit uns!“, forderte Marija Iljinitschna ungeduldig.

Vater Michail schüttelte den Kopf, Marija Iljinitschna schlug ihrem Mann auf die Hand, und der Wagen raste davon. Vater Michail hob den Kopf. Die Rauchsäulen erschienen ihm nicht mehr wie Mönche. Er rannte los.

Am Tor seiner Kirche nahm Vater Michail das Telefon aus der Tasche, und während er sich krümmte, sich an die Seite fasste und schwer atmete, begann er, die Nummern der Gemeindemitglieder zu wählen. Es gab keine Verbindung. Er schloss das Gittertor auf und huschte zur Glockenturmtreppe, wobei er unter den Bäumen hindurchging und den Kragen seiner Soutane mit dem nächtlichen Tau benetzte, und er schauderte, als ihm ein Kälteschauer über den Rücken lief. Auf der zweiten Ebene des Glockenturms stolperte er und wäre beinahe in die Tiefe gestürzt, konnte sich aber gerade noch am Geländer festhalten. Er streckte sich, als wollte er sich aus der Gefangenschaft des Geländers befreien, fand mit der Hand das Glockenseil und hängte sich daran, noch bevor er die letzten Stufen erreicht hatte. Er schwang zurück, fiel aber nicht; die Glocke erzitterte und gab einen Ton von sich. Einen Augenblick später läuteten alle drei Glocken wie besessen, und ein chaotisches Geläut verbreitete sich über das Dorf und zog in beunruhigenden Kreisen über die Kirche, die Dächer und die Straße. Bald darauf, als die Sonne den Himmel bereits in ein orangefarbenes Morgenrot tauchte und von der anderen Seite her das Feuer ausbrannte, strömten die ersten Menschen zur Kirche.

Vater Michail war nun froh, dass er den Kirchenkeller immer sauber gehalten hatte. Etwa fünfzig Personen hatten sich hier versammelt, darunter sein Sohn Ljonka; die anderen waren entweder rechtzeitig geflohen oder in ihren Häusern geblieben, zu denen es keinen Kontakt mehr gab. Der Keller war geräumig, mit zwei runden Fenstern unter der niedrigen Decke. Vater Michail breitete dort einen Teppich aus, den er aus dem Gotteshaus heruntergebracht hatte, und darauf tollten bereits die Kinder herum, die noch vor wenigen Stunden vor Angst geweint hatten, als ihre Eltern sie im Morgengrauen hierhergebracht hatten. Die Lichtstrahlen aus den Fenstern auf gegenüberliegenden Seiten trafen sich und hingen als festes, strahlendes Kreuz im Halbdunkel über dem Teppich.

Semjonowna saß auf der Bank und drückte die Ikone des Heiligen Nikolaus an ihre Brust. Ihre aufgeworfene Lippe zitterte, unaufhörlich betete sie, sah dabei teilnahmslos auf die Kinder, schloss dann die Augen und schien einzudösen. Vater Michail trat zu ihr, um ihr die Ikone abzunehmen, damit sie nicht auf den Boden fiel, doch er stieß auf einen solchen Widerstand der greisen Hände der schlafenden Semjonowna, dass er lächelte und sich wieder entfernte.

Die Männer diskutierten, was zu tun sei: auf die eigene Armee warten oder versuchen, in die Stadt zu fahren, um dort herauszufinden, was los war. Die Frauen weinten. Ljonka bot an, sofort allein in die Stadt zu gehen, fing sich aber von seinem Vater einen Schlag in den Nacken ein.

„Außer dir gibt es hier genug andere, die gehen können“, brummte Vater Michail.

Ljonka war beleidigt, wechselte auf die andere Seite des Kellers und setzte sich auf den nackten Boden. Vater Michail lehnte sich an die warme Wand und beobachtete Ljonka. Er war schon siebzehn. Mit dem Erwachsenwerden war der Sohn seiner Mutter sehr ähnlich geworden; von Vater Michail hatte er nur die blauen Augen. Seit Vater Michail die Matuschka verstoßen hatte, hatte Ljonka kein einziges Mal mehr Kontakt zu seiner Mutter gehabt; seit seinem siebten Lebensjahr war sie ihm entzogen. Vater Michail hatte nie ein schlechtes Wort über sie verloren; Ljonka wollte selbst nichts von ihr hören. „Ich kann in die Stadt gehen“, äffte er den Sohn in Gedanken nach, und plötzlich begriff er, dass er wirklich gehen würde, und betrachtete ihn voller Angst, wie er beleidigt die Nase hochzog.

Vater Michail hörte den Gesprächen zu, während er selbst darüber nachdachte, was zu tun sei. Er hatte sie hierhergerufen, das bedeutete, er hatte die Verantwortung für sie übernommen. „Wozu sonst ist ein Priester da?“, fragte er sich. „Für die Seelen bist du verantwortlich, aber die Leiber, was ist mit denen?“ „Nur kann ich ihnen bei nichts helfen“, sagte er, und allmählich sank sein Kopf, er stützte ihn mit der Hand, trommelte mit den Fingern an seine Stirn, als wollte er sich einen Gedanken einhämmern, und so döste er ein. Sein Kopf fiel auf die Brust, er schnarchte auf, und durch das Dämmern drang Kinderlachen an seine Ohren, vom Echo verstärkt, und klang im Traum überirdisch, als gehörte es Engeln. Vater Michail schreckte auf und öffnete sofort die Augen, sah das Kreuz, das in der Luft strahlte, und im Dunst des schwindenden Traums erschienen ihm die Kinder darunter wie Engel.

Er stieg nach oben, vergaß nicht, vor der Ikone der Heiligen Dreifaltigkeit innezuhalten, bekreuzigte sich, hob die Brauen und stieß einen lauten Seufzer aus. Im Hof nahm er einen Besen und begann, die sauberen Wege zu fegen. Von hier aus waren die Einschläge gut zu hören, der klare Himmel erschien ihm fremd, und ein Gefühl unabwendbarer Katastrophe legte sich auf ihn.

Noch vor der Morgendämmerung weckte Vater Michail, bekleidet mit seiner ältesten Soutane, Ljonka, der oben am Eingang schlief. In der Kirche war es dunkel, in der Tiefe, am Altar, zuckte das Flämmchen der Öllampe. Im Dunkeln glänzten nur seine Augen und das Brustkreuz.

„Ljonka“, sagte er und berührte die Schulter seines Sohnes. „Ich gehe in die Stadt, ich bin bald wieder da.“

„Was? Was ist los?“, Ljonka setzte sich auf. „Ich komme mit.“

„Bleib liegen“, befahl Vater Michail. „Ich sagte doch, ich gehe allein.“

Er bekreuzigte seinen Sohn, strubbelte ihm durchs Haar und ging hastig hinaus. „Ich hätte ihn nicht wecken sollen“, dachte er beunruhigt, trat aus dem Tor und sah sich um. Wieder auf der Straße, bekreuzigte er die Kirche, verneigte sich und eilte den Weg entlang.

Ein oder zwei Tage noch, und Ljonka wäre sicher in die Stadt gelaufen, um die russische Armee zu suchen. „Besser ich“, sagte er sich, „soll es lieber mich treffen …“ Doch Vater Michail hoffte, die Soutane würde ihm Schutz bieten; er redete sich ein, dass es auch unter den Feinden Gläubige gebe.

Es war still; die Nacht rauschte nur hoch oben in den Baumwipfeln hinter den Zäunen der Gehöfte. Nirgends brannte Licht. Bald begann er, für sich das Jesusgebet zu lesen. Nahe einem Zaun spürte er einen feuchten Hauch am Bein, schreckte überrascht hoch, und sofort fing ein Hund von unten an zu bellen. Keine Sekunde dauerte es, bis alle Hunde der Umgebung einstimmten. Vater Michail erreichte den Ortsrand, begleitet von klagendem Heulen und Bellen, und konnte sich des Gefühls nicht mehr erwehren, dass das Dorf einem Unheil entgegenblickte.

Den Sonnenaufgang erlebte er zwei Kilometer weiter auf der Straße zwischen den Feldern. Vom Rand des dunklen Feldes stieg ein rosafarbener Streifen auf, darüber zitterte der Schleier eines gelblichen Nebels, der Himmel färbte sich grau, und alles, was auf der Erde den Horizont bildete, wirkte dunkel und wie auf eine rosafarbene Leinwand gemalt. Vater Michail versuchte sich zu erinnern, wann er zuletzt einen Sonnenaufgang genossen hatte. „Fünf Jahre habe ich gelebt wie in einem Traum“, sagte er sich. Er blieb stehen und vergaß für einen Moment, wohin er wollte und warum. Das Gebet hatte er mechanisch gemurmelt. Er dachte über die Jahre seines Lebens nach. Plötzlich rollte die Sonne empor, Vater Michail japste und wirbelte herum. Die Sonne rollte am Horizont entlang und warf einen goldenen Pfad auf die Felder, der die Stoppeln der abgemähten Halme versengte. Vater Michail wandte sich mit ganzer Brust der Sonne zu und murmelte töricht vor sich hin: „Ich ertrinke in deiner Gnade.“

Nach einer halben Stunde war es bereits hell, und nur selten sangen Vögel. Einen Kilometer weiter sah Vater Michail vor sich einen ausgebrannten Schützenpanzer. Er stand mit den Vorderrädern am Straßenrand, die Kabine war bis auf das Grundgerüst verbrannt. Er wich von der Straße zu den Baumreihen aus und ging am äußersten Rand entlang. Nahe dem Fahrzeug überkam ihn eine unerklärliche Angst, und er lief auf die andere Straßenseite. An einer Kurve sah er einen Geländewagen, der ihm bekannt vorkam. Er stand mit weit aufgerissenen Türen da, daneben lag eine Transportbox mit einem toten Hündchen. Vater Michail versuchte, nicht auf den Wagen zu sehen, und ließ das immer heller werdende Himmelblau und die blauen Straßenschilder nicht aus den Augen.

In der Ferne waren Artillerieschüsse zu hören. Vater Michail begann klagend zu singen: „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner …“ So stolperte er, bei jedem Wort ins Stocken geratend, weitere zwei Kilometer bis zu einer Tankstelle und betete für die Neuentschlafenen. Hier standen, wie zusammengepfercht, verschiedene Autos, Ladas, billige Importwagen. Ihre Scheiben waren zertrümmert, die Reifen verbrannt und hatten die Straße mit Asche bestreut, die der Wind über die Felder trug. Vater Michail blieb stehen, sang mechanisch in sich hinein: „Erbarme dich meiner“, und es war ihm, als hätte er Asche verschluckt.

Er trat in den Baumstreifen entlang der Straße und fragte sich: „Bist du ein Priester?“ „Wenn du ein Priester bist, dann hab keine Angst, dann bete.“ Bald begann er, das Gebet mit seinen eigenen Worten zu vermischen, und ging vor sich hin singend: „Bist du ein Priester? Bete. Bist du ein Priester?“ Als er dies bemerkte, wollte er sich daran erinnern, warum er sich diese Frage überhaupt gestellt hatte, doch er konnte es nicht. Mit brüchiger Stimme hob er an: „Herr Jesus Christus.“

Er erreichte eine Kreuzung, ein Drittel des Weges zur Stadt war geschafft. Er hielt sich links und erblickte zwei große Weiden, denen er früher, wenn er hier vorbeigefahren war, keine Beachtung geschenkt hatte. Bei den Weiden, unterhalb des Hangs, war ein Haufen Schotter aufgeschüttet, und dort stand ein Auto, ein silberner Lada, ebenso zerstört wie alle anderen Fahrzeuge, die er heute gesehen hatte. Es schien ihm, als höre er Motorengeräusche, und Vater Michail stürmte kopfüber zu den Weiden. Kaum hatte er hinter ihnen Deckung gesucht und sich an den Stamm gesetzt, offenbarte sich seinen Augen das, was er von der Straße aus nicht hatte sehen können: Neben dem Wagen lag, mit dem Rücken zu ihm, ein Mann, im Wagen selbst saß reglos eine junge Frau auf dem Beifahrersitz, doch das Schrecklichste befand sich hinter ihr: Dort, in der Tiefe des Innenraums, erblickte er kleine Beinchen in hellblauen Söckchen.

Vater Michail sammelte eine Handvoll Staub vom Boden und rieb sich damit die Augen. Der Lärm näherte sich. Irgendwo unweit schlug ein Geschoss auf dem Feld ein, und ein feiner Schleier aus Brandrauch kroch über den Himmel, der wie ein feines Netz alle Geräusche zu dämpfen schien, bis nur noch ein anschwellendes Grollen blieb. „Herr Jesus …“, lallte Vater Michail, blinzelte mit seinen von Schmutz verklebten Augen und ließ die Beine in den alten Schuhen willenlos auseinanderfallen, doch selbst in seinem Herzen wurde das Gebet vom Dröhnen schwerer Motoren übertönt. „Warum?“, fragte er, ohne seine eigene Frage zu hören, und rief dann lauter, ohne Furcht, denn der Lärm würde ohnehin alles verschlucken, mehrere Male: „Warum? Warum? Warum?“ Hinter seinem Rücken raste bereits schweres Gerät vorbei, die Erde bebte. Als es wieder still wurde, hob er den Blick zum Himmel: „Und du? Wo bleibt deine Gerechtigkeit?“ Er saß etwa zehn Minuten so da, dann aber, ängstlich zur Straße zurückblickend, trippelte er hastig wie ein Hase zum Wagen, kniete vor der hinteren Tür nieder, öffnete sie, umarmte etwas darin und betete mit ruhiger, fester Stimme, als befände er sich in seiner eigenen Kirche, ein Absolutionsgebet und anschließend ein Totengebet über dem Kind.

Er ging weiter und wiederholte wie ein Automat: „Ich murre. Ich murre. Ich murre.“ Bäume, die in drei Reihen am Straßenrand wuchsen, tauchten auf, er freute sich und suchte Schutz bei ihnen. Das staubige Laub raschelte schwer über seinem Kopf, und er wiederholte unablässig: „Mit meinem Verstand begreife ich es nicht und murre. Wofür?“ Er stach sich an einem knotigen Zweig und erinnerte sich, völlig zusammenhanglos, daran, wie er den Kopf der Matuschka in den Korb getaucht hatte. Er blieb stehen, stampfte wütend mit den Füßen, schüttelte den Kopf und drohte dem Himmel mit der Faust. Doch im gleichen Moment erinnerte er sich daran, wie er betrunken zum Gottesdienst erschienen war; er sah sich wie von außen: wie er den Mund zu einem Grinsen verzog, die Heiligen Gaben in den Händen. Er erinnerte sich an die verwunderten Blicke seiner Gemeindemitglieder, wenn er stolpernd aus dem Altarraum trat. „Ja, was ist nur mit dir los, du Verdammter!“, brüllte Vater Michail. Von seiner Stirn rann Schweiß auf seine schmutzigen Wangen, er rieb seine Brust, auf der das von der Sonne erhitzte Brustkreuz lag, und er war sich selbst gerade so zuwider, dass er glaubte, sein Leben zu geben, nur damit ihm all das nicht widerfahren wäre. Die Baumreihe war längst zu Ende, doch er hatte es nicht bemerkt. Außer Atem und entkräftet blieb er stehen, hob den Kopf und wunderte sich, dass sich am Himmel nichts verändert hatte: Er lag genauso klar, leer und unnahbar da.

Ein Schnattern erklang, Vater Michail wandte sich um und rannte los. In der Luft zeichnete sich ein kleiner schwarzer Fleck ab, der in seine Richtung flog. Vater Michail kehrte um, zurück zu den Bäumen, aus denen er gerade gekommen war, doch sie waren weit weg, und die Drohne näherte sich in rasendem Tempo. Vater Michail stürzte auf die Straße, besann sich anders, rannte aufs Feld, stürzte wieder zur Baumreihe, wurde hektisch und bemerkte erst jetzt rechts, etwa zweihundert Meter entfernt, ein Wäldchen, frisch und saftig, und darüber eine lupenreine Wolke. Sowohl das Wäldchen als auch die Wolke waren wie durch Zauberei erschienen, und Vater Michail hetzte in ihre Richtung. Das Summen wurde lauter, Vater Michail rannte, die Rockschöße hochgerafft, stampfend, außer Atem, Schweiß und Staub brannten in seinen Augen. Er stolperte, fiel hin, lag der Länge nach auf dem Boden. Er hob den Kopf und starrte direkt auf die heranfliegende Drohne, unter deren Rotoren der Aluminiumbauch mit der Sprengladung glänzte.

„Da liege ich nun, ein verdammter Sünder, und habe Angst vor dem Tod“, sagte er gequält, und sein ganzer Körper zitterte vor Angst.

Die Drohne war schon ganz nah, Vater Michail schützte seinen Kopf mit den Händen, besann sich aber eines Besseren, stand schwankend auf, bekreuzigte sich dreimal mit weit ausholenden Bewegungen und rannte plötzlich mit aller Kraft los. Das Kreuz schlug ihm, an seiner Kette hüpfend, gegen die Augen. Das Wäldchen war schon nah und schien die einzige Rettung zu sein, die er je ersehnt hatte. Mit ruhigem Schritt hätte er es in zwei Minuten erreichen können, doch die Drohne war bereits über seinem Kopf. Vater Michail blieb stehen, drehte sich zur Drohne um, sammelte alle Kräfte und sang: „Herr Jesus, erbarme dich meiner!“ Die Drohne blieb über seinem Kopf stehen und ruckelte. Plötzlich bückte sich Vater Michail, griff einen Stein vom Boden und schleuderte ihn nach ihr.

„Verzieh dich, du H-Hund!“, schrie er.

Die Drohne hing über ihm, summte und schien ihn zu verspotten. Vater Michail verschränkte die Arme vor der Brust und betete schreiend, doch die Drohne warf den Sprengstoff nicht ab. Da drehte sich Vater Michail um und ging gemächlich auf das Wäldchen zu, blickte sich immer wieder um und bekreuzigte die Drohne mit einem kleinen Kreuzzeichen. „Verzieh dich, du Vieh, du H-Hund“, sagte er bösartig. Die Drohne flog davon.

Im Hain sangen Vögel mit verschiedenen Stimmen, und einer stieß einen scharfen Piepser aus, ähnlich dem, der aus einem Gummispielzeug kommt. Vater Michail ging zwanzig Meter unter den Eichen dahin. Die Sonne, die sich ihren Weg durch die Zweige bahnte, markierte einige Stämme mit Lichtreflexen, als würde sie Stücke aus ihnen herausbeißen. Als er zwei junge Soldaten bemerkte, die an einem kleinen Teich saßen, blieb er stehen. An den roten Binden an den Ärmeln erkannte Vater Michail seine Leute und ging mutig auf sie zu.

„Seid ihr hier viele?“, fragte er im Gehen. „Wo sind die anderen? Was passiert hier? Bei mir ist die Kirche voller Menschen.“

„Wir hätten ihn nicht abwehren können“, sagte einer der Soldaten, ein blonder Junge von etwa zwanzig Jahren, und stand auf. „Das ist eine ukrainische Drohne, sie späht uns aus. Ich habe schon viel gesehen, aber dass sie einfach so abdreht … Wahrscheinlich liebt Gott Sie.“

„Ach was, ihr war der Abwurf zu schade. Warum sollte sie den auf einen Priester verschwenden?“, sagte der zweite, ein hagerer mit schmalen Lippen, ebenso jung. Er saß an einen Stamm gelehnt, die Handfläche auf den Bauch gelegt, die Augen geschlossen; er öffnete sie nur, um zu widersprechen, und schloss sie danach sofort wieder.

„Und wo ist unsere ganze Armee?“, fragte Vater Michail vorwurfsvoll.

„Die Armee …“, der Blonde zuckte mit den Schultern. „Nun ja, unsere Kompanie ist dort an der Grenze liegen geblieben. Dieses Ungeziefer kam in Massen, die fühlen sich hier schon wie zu Hause. Wir jedenfalls warten auf die Evakuierung.“

„Und die anderen?“, fragte Vater Michail.

„Die anderen haben sich zurückgezogen“, der Blonde zuckte mit den Schultern. „Alle, die da waren, sind zurückgewichen. Was ist mit Ihnen, Onkel? Wir sind nur noch zu zweit.“

„Wir haben den Befehl, uns zurückzuziehen“, sagte der zweite. „Das ist ein Befehl.“

„Und wir?“, fragte Vater Michail.

„Das ist nicht unsere Sache“, sagte der Blonde. „Wir können ja nicht bloß zu dritt kämpfen, und die, das sind Tausende.“

Vater Michail setzte sich neben ihn auf die Erde, sah nachdenklich auf den Teich, auf den smaragdgrünen Grund an der Stelle, wo ein Sonnenstrahl das dunkle Wasser berührte. Er sagte sich, dass es ein Fehler gewesen war, die Kirche zu verlassen und die Menschen im Stich zu lassen; wenn die Armee sich zurückzog, war es auch sinnlos für ihn, in die Stadt zu gehen; er musste zu sich zurückkehren und mit seiner Herde das Schicksal teilen, das für alle gleichermaßen galt. Die letzten Worte sprach er im Stillen nicht ohne Pathos aus und ärgerte sich darüber. „Was für ein abscheulicher Vogel“, dachte er, während er das Gummipiepsen über den Bäumen hörte. Wie weit war er heute gegangen? Zwanzig Kilometer. Er hatte sich um ganze zwanzig Kilometer von seiner Kirche entfernt, entsetzte er sich, und wann er nun zurückkehren würde, wusste niemand. Bis zum späten Abend? In diesem Moment geriet die Sonne zwischen zwei Eichenkronen und flackerte von dort herüber, eingeklemmt zwischen ihren Wipfeln. Vater Michail sah ein Feuer vor sich und stellte sich vor, wie sein Glockenturm in Flammen aufging.

„Ich lebe hier seit so vielen Jahren, aber so einen abscheulichen Vogel habe ich noch nie gehört“, murmelte er beim Aufstehen.

„Versuchen Sie bloß nicht, in die Stadt zu kommen“, sagte der Schmallippige streng. „Dahin darf man nicht, der Feind hat sie besetzt. Bleiben Sie lieber bei uns, warten Sie auf die Evakuierung.“

„Aber meine Kirche ist voller Menschen“, wiederholte Vater Michail ungeduldig.

„Dann gehen Sie“, erlaubte der Blonde. „Gehen Sie und beten Sie.“

„Darf ich etwas fragen?“, der Schmallippige öffnete wieder die Augen. „Sie glauben doch an Gott? Sie wissen doch alles über ihn?“

„Ich dachte, dass ich es wüsste“, antwortete Vater Michail ebenso ungeduldig. Er hatte es eilig fortzukommen. „Aber jetzt denke ich, dass ich absolut gar nichts wusste.“

„Aber Sie glauben weiterhin?“, fragte der Schmallippige.

„Ach, komm du doch später zu mir in die Kirche“, sagte Vater Michail. „Dann reden wir.“

„Dafür wird keine Zeit bleiben“, antwortete der Schmallippige und lächelte.

„Lasst mich euch rasch den Segen geben“, Vater Michail streckte die Hand zum Kopf des Blondschopfs aus, der sie widerwillig hinhielt. Er bekreuzigte ihn, ließ ihn die Hand küssen, fast gewaltsam, indem er sie ihm gegen den Mund drückte, und wandte sich an den Schmallippigen: „Und du, warum kommst du nicht her?“

„Er ist doch verwundet“, sagte der Blondschopf, und der Schmallippige nahm die Hand vom Bauch.

Dort, wo die Leber saß, dunkelte ein Blutfleck auf seinem Bauch. Vater Michail stieß einen fast weiblich klingenden Seufzer aus, riss die Arme hoch, stürzte auf ihn zu, ergriff seine blutverschmierte Hand und sagte mit sanftem Blick in seine Augen:

„Ach, mein Guter. Verwundet? Willst du nicht beichten?“

Der Schmallippige zog erschrocken die Hand zurück.

„Ich bin nur leicht verwundet“, sagte er missmutig.

„Das sehe ich wohl, aber nach der Beichte wird dir noch leichter ums Herz sein“, sagte er und zwinkerte dem Soldaten zu. „Nun, mach dir keine Sorgen, das ist reine Routine. Alles wird gut. Wenn Gott will, ist der Krieg vorbei, dann kommst du zu mir in die Kirche, und wir reden über Gott.“

„Ich wollte etwas fragen“, sagte der Schmallippige. „Glauben Sie an Gott, und denken Sie wirklich, dass er gerecht ist?“

Vater Michail seufzte und saß eine Minute lang still da.

„Verdammt noch mal!“, fluchte er, als ein Vogel piepste. „Weißt du was?“, er warf wie immer ruckartig seinen struppigen Kopf in den Nacken und sah dem Schmallippigen ernst in die Augen, „es gab sogar eine Zeit, da dachte ich, Gott sei ungerecht. Aber er ist gerecht. Nur ist seine Gerechtigkeit eine andere; mit unserem Verstand ist sie nicht zu begreifen, und versuche es gar nicht erst.“

Von der anderen Straßenseite her war der Himmel bereits von Brandrauch verdunkelt. Vater Michail verließ das Wäldchen und bewegte sich über das Feld auf die Straße zu, wobei er sich oft nach dem sauberen Wölkchen umsah. Er fühlte Erleichterung, weil er auf dem Heimweg war. Als er sich ein letztes Mal umdrehte, schlug er mit einer großen Geste in der Luft ein Kreuz, das auch die Wolke einschloss, doch kaum hatte er sich abgewandt, schwankte das Wäldchen und stürzte in sich zusammen. Vater Michail fiel zu Boden, etwas Schweres schlug pfeifend im Hain ein. Weißer Rauch brach aus ihm hervor, doch kaum berührte der Rauch das Wölkchen, da krochen schwarze Schlieren an dessen runden, schneeweißen Seiten empor. Vater Michail streckte die Hand aus, um das Wäldchen und die verbliebenen Soldaten zu segnen, doch dort prasselten bereits weitere Granaten nieder; er duckte den Kopf und spürte, wie der dornige Busch sein Gesicht zerkratzte und verbrannte. Mit gekrümmten Fingern, die noch zum Kreuzzeichen bereit waren, versuchte er laut zu beten, doch sobald er die Lippen bewegte, verbrannten ihn die Nadeln und Stacheln des Krauts an Lippen und Augen. „Herr, verschone sie!“, sprach Vater Michail; jedes Wort verursachte ihm Schmerz, er spürte, wie Blut von den Lippen aufs Kinn lief, doch er betete aus voller Kehle weiter. Ein furchtbarer Lärm und das Krachen brechender Bäume waren zu hören.

Als alles verstummte, ging Vater Michail auf die Knie. Sein erdverschmiertes Haar hing ihm in das blutüberströmte Gesicht. Der brennende Hain leuchtete gelb von frischen Stammbrüchen; kein einziger Baum war heil geblieben, und die Wolke hing dort verbrannt, als würde jeden Moment Asche aus ihr herabregnen.

„Du!“, schrie Vater Michail und hob die Faust. Die Sehnen an seinem Hals traten hervor. „Du! Was hast du getan?! Ah“, knurrte er, „so hast du entschieden! Dein Wille geschehe! Aber warum?!“

Um ihn herum war es still. Vater Michail erhob seine hellen, entschlossen blickenden Augen fordernd gen Himmel. So saß er lange da, sicher eine Stunde, seine Faust war längst wieder herabgesunken, das Blut auf Gesicht und Lippen war getrocknet.

„Du schweigst?“, regte er sich schließlich, und wieder floss Blut aus der Unterlippe. „Du hast es also nicht für nötig gehalten?“

Er tat einen langen, schweren Atemzug und griff in die Tasche nach einem Taschentuch. In der Tasche ertastete er etwas, das sich wie eine Schnur anfühlte, zog die Hand heraus und starrte erstaunt auf den schwarzen Mönchsgürtel. Seine Wangen begannen zu zittern, und sein Mund verzog sich krampfhaft, als hielte er eine Schlange in der Hand. Diesen Gürtel, den Vater Aleksij ihm vor fünf Jahren überreicht hatte, hatte er noch am selben Tag in die Tasche seiner alten Soutane gelegt, nicht mehr daran gedacht und das Gewand seither nicht mehr getragen. Doch heute Morgen hatte er es angezogen, um das neue Gewand auf dem Weg nicht zu beschmutzen.

„So ist das also“, murmelte Vater Michail. „Und nur deswegen hast du das Kind in den hellblauen Söckchen getötet? Nur deswegen?“

Er blickte staunend in den Himmel. Sein Gesicht veränderte sich erneut: Es wurde totenbleich, und plötzlich huschte eine Ahnung darüber.

„Und wenn es deswegen war, dann heißt das ja, ich habe das Kind getötet!?“, flüsterte er, mit klappernden Zähnen vor Angst, während er den Gürtel in der Faust zusammenpresste. „Ich habe es also getötet?“

Er sprang auf und rannte los, immer wieder wiederholend: „Ich habe es getötet.“ Die Sonne über dem Feld war klein geworden. Vater Michail rannte und rannte, ohne sich seiner selbst bewusst zu sein, doch seine Augen bahnten sich den Weg am Straßenrand, schlängelten sich durch die Anpflanzungen, und dieser Weg führte zur Kirche.

Er lief bis fast zum Sonnenuntergang den Weg zurück, und gegen Ende des Weges festigte sich in ihm die Gewissheit, dass er die Kirche nicht unversehrt vorfinden würde. Alles, was er heute gesehen hatte, war untergegangen; warum sollte die Kirche verschont geblieben sein? „Aber ich selbst bin heil“, erinnerte er sich, und im Gegensatz zu dieser Gewissheit begann eine leise Stimme in ihm, ihn davon zu überzeugen, dass er nicht nur heil geblieben, sondern auch mehrmals glücklich dem Tod entronnen war. Die Drohne war weggeflogen, aus dem Hain hatte er es rechtzeitig herausgeschafft; Vater Michail zählte es an den Fingern ab. „Vielleicht liebt mich Gott wirklich?“, fragte er sich, und die Sonne wärmte seinen Rücken zwischen den Schulterblättern. Da erinnerte er sich, wie er vor fünf Jahren, noch vor dem Verrat der Matuschka, den Gipfel des priesterlichen Dienstes hatte erreichen und im Feuer des Glaubens hatte brennen wollen. „Hat mich etwa Alexandra nicht aufsteigen lassen?“, dachte er. „Oder habe ich mir das alles selbst zuzuschreiben?“ Doch die leise Stimme flüsterte ihm zu, dass er nun genug gelitten habe und Gott ihm dies nun vergelte, ihn rette, ihn wie einen Auserwählten liebe.

Vater Michail wunderte und freute sich darüber, dass der Rückweg ruhig war. Er machte einen kleinen Bogen über das Feld, um die zerstörten Autos nicht sehen zu müssen, und erreichte die Straße, von wo aus es bis zur Siedlung noch etwa zwei Kilometer waren. An einer Kreuzung stieß ihn etwas im Rücken an, genau zwischen die von der Sonne noch warmen Schulterblätter; er legte an Tempo zu, überquerte die Straße fast im Lauf und verschwand im Gebüsch, gerade als eine Kolonne Militärfahrzeuge an ihm vorbeiraste. Auf ihren dunkelgrünen Flanken saßen Männer mit blauen Armbinden. Vater Michail kreuzte durch das Laub hindurch mit einem von ihnen den Blick, doch die Kolonne fuhr so schnell, dass der fremde Soldat diese Begegnung nicht wahrnehmen konnte. Vater Michail begriff, dass die Kolonne aus der Nachbarsiedlung kam, die ebenfalls an das ukrainische Gebiet Sumy grenzte, aber etwa zwanzig Kilometer entlang der Grenze von ihrer Siedlung entfernt lag. „Und zum dritten Mal gerettet“, sagte die leise Stimme zu ihm; Vater Michail erinnerte sich an die Worte des Soldaten aus dem Hain, „Gott liebt Sie“, und seufzte.

Nur noch eine Kurve trennte ihn vom Dorf. Vater Michail blieb stehen und rieb sich die schmerzenden Knie. Gleich würde er links abbiegen, und der Glockenturm käme in Sicht. Und wieder regten sich in ihm Zweifel, und wieder dachte er, dass er statt des hohen, weißen Glockenturms dessen verbranntes Skelett sehen würde. „Wozu bin ich losgegangen?“, sagte er zu sich. „Was habe ich gefunden? Und wenn ich alles verloren habe?“ In diesem Moment sank die Sonne endgültig zur Erde, und die schwarze Horizontlinie durchschnitt ihren runden Kopf wie ein dünner Draht in zwei Hälften. Die obere Hälfte blieb auf dem Feld sitzen und goss ölige Feuerströme darüber, während die zweite nach unten abglitt. Und sogleich begann alles, das Gras, die Straße, das Feld, das Brustkreuz auf Vater Michails Brust, wie im Feuer zu brennen. Er war bereits entschlossen, einen Schritt zu tun, als ihn aus dem Gebüsch am Wegesrand eine Stimme rief.

„He, Pope!“

Ein Mann mit einer blauen Armbinde trat auf die Straße und näherte sich Vater Michail mit schlurfendem Gang. Er war kahlköpfig, mit versengten Augenbrauen. In den Händen trug er ein Sturmgewehr. Mit dem Lauf stieß er Vater Michail in den Rücken und drängte ihn von der Straße.

„Lungere hier nicht herum“, sagte er leichthin.

Der verängstigte Vater Michail trippelte mit kleinen Schritten den Hang hinunter, rutschte auf der trockenen Erde aus, verlor das Gleichgewicht und plumpste nach unten, wo er neben einem Mann in Uniform landete, der am Boden lag. Dieser umklammerte ein Funkgerät und klapperte mit den Zähnen. Neben ihm saß ein Dritter, dunkel, hager, mit einem himbeerroten Mund unter einem dünnen schwarzen Schnurrbart. Dieser lächelte Vater Michail zu, woraufhin er sofort in Schweiß ausbrach.

„Brüderchen!“, der Hagere beugte sich über den Liegenden, und erst jetzt erkannte Vater Michail, dass an der Stelle des linken Auges ein rotes Loch klaffte, aus dem dickflüssig Blut zur Schläfe rann. „Wir haben dir hier einen Popen gefunden. Du hast doch darum gebettelt. Fast ein Wunder.“ Er lachte abgehackt und heiser durch die Nase.

Der Verwundete drehte sein bläuliches Kinn zu Vater Michail und sah ihn böse mit seinem gesunden Auge an. Er klapperte mit den Zähnen, die Hand, in der er das Funkgerät hielt, zitterte, und das Gerät begann zu zischen.

„Unser Brüderchen wollte beichten“, sagte der Heisere eindringlich direkt in Vater Michails Gesicht; dieser spürte einen warmen, süßlichen Atem. „Er kommt aus einer gläubigen Familie. Sprich ihn von den Sünden los, und wir lassen dich laufen.“

„Ja, ja“, murmelte Vater Michail. „Gleich, natürlich.“

Er saß da, die Soutane bis zu den Knien hochgerutscht, sodass sie seine dicken weißen Beine und schwarzen Socken entblößte. Er atmete schwer, eine bläuliche Blässe drang selbst durch den Schmutz und das getrocknete Blut auf seinen Wangen.

Vater Michail rückte an den Verwundeten heran und begann, aus Angst vor dessen gesundem Auge, in das rote Loch der Wunde zu starren. Sein Herz schlug heftig und stieß stückweise bald das Jesusgebet aus, bald die Bitte an den Herrn, dass die ukrainischen Soldaten ihr Wort halten und ihn laufen lassen würden, bald huschte ein kleines Stimmchen hindurch, das sagte, er werde sich erneut retten können.

„Trödel nicht, Pope“, sagte der Heisere.

Vater Michail legte seine zitternde Hand auf den verschwitzten Kopf des Sterbenden, schloss die Augen, saß so etwa eine halbe Minute lang da, nahm die Hand weg und hauchte: „Ich kann nicht.“

„Ich kann nicht“, wiederholte er, fast nur hauchend. „Wie sollte ich das können?“ Er sah direkt in den dünnen Schnurrbart des Heiseren und auf seinen himbeerroten Mund, der ihm Entsetzen einflößte. „Retten werde ich mich schon“, fuhr er fort, als spräche er mit sich selbst. „Aber liegt darin das Heil? So habe ich es beschlossen. Dein Wille geschehe. Nun denn“, er wollte nach oben in den dunkler werdenden Himmel sehen, doch er wagte es nicht.

„Ich brate dich hier gleich, Pope!“, der Kahlköpfige stieß ihn mit dem Lauf in den Rücken.

Vater Michail drehte sich um und sah ihn mit angsterfüllten Augen an. Er versuchte mit seinem bläulichen Mund zu lächeln, aber der Mund verzog sich zur Seite. Der Kahlköpfige stieß ihn erneut.

„Brate mich!“, rief Vater Michail. „Wenn ich verbrenne, bin ich, der Sünder, gerettet.“

„Der Pope hat anscheinend vor Angst den Verstand verloren“, sagte der Heisere und zog den himbeerroten Mund zu einem Lächeln. „Und warum bist du ein Sünder? Ich dachte, ihr Popen seid alle Heilige.“

„Ich?“, fragte Vater Michail und sprach hastig: „Oje, ich bin der allererste Sünder, der allererste und der allerletzte.“

„Was hast du denn angestellt?“, lachte der Heisere und zwinkerte dem Sterbenden zu.

„Ich? Ich habe ein Kind getötet. Dort, dort“, er deutete auf die Straße. „In hellblauen Söckchen.“

„Ein Verrückter“, sagte der Kahlköpfige und kratzte mit dem Lauf an seinem Rücken. „Na los, wie hast du ein Kind getötet?“

„Ich? Ich habe getrunken, gewütet, nicht vergeben, war nicht demütig. Ich habe mit Gott gehadert, das ist es. Und eurem Brüderchen die Sünden abnehmen, das kann und werde ich nicht“, sagte er wieder sanft.

Mit diesen Worten zog er den Kopf zwischen die Schultern und wartete auf den Schuss.

Hinter dem schwarzen Feld war nun nur noch der Rand der Sonne zu sehen, der Himmel färbte sich dämmrig, und orangefarbene Streifen zogen hindurch, die Vater Michail selbst durch die geschlossenen Lider sehen konnte.

„Worin besteht das Heil?“, murmelte er. „Das Heil besteht nicht darin, dem Tod zu entgehen, sondern darin, für die Ewigkeit gerettet zu werden. Im Feuer verbrenne ich, in deiner Gnade ertrinkend. Wäre es ein Gefangener gewesen, der in der Gewalt unserer Soldaten ist, hätte ich dann nicht das Absolutionsgebet über ihm gebetet?“, fragte er sich selbst, legte die Hand auf die Brust und neigte den Kopf zur Seite, als würde er auf etwas lauschen. „Ich hätte es gebetet“, nickte er, als hätte er in sich die Antwort vernommen und ihr zugestimmt. „Ich hätte mein letztes Hemd dafür zerrissen. Aber ihr, ihr Bestien, was habt ihr hier angerichtet, oh, bewahre uns Gott, oje“, er schloss die Augen und erinnerte sich an alles, was er auf dem Weg gesehen hatte. „Bestien, wahre Bestien. Wir sind jetzt in eurer Gewalt, und wie ich mich jetzt gegen eure Gewalt auflehne, mit meinem ganzen Bild und Gleichnis, und gerade jetzt: Ich werde es nicht beten. Das ist es. Das Hemd dem Schwachen, dem Starken aber keine Vergebung. Darin will ich auferstehen, darin will ich gerettet werden“, murmelte er.

„Der Pope hat anscheinend einen Sprung in der Schüssel“, grinste der Heisere, der Vater Michail nicht aus seinen spöttischen, räuberischen Augen ließ.

Vater Michail sah ihn direkt an. Er hatte soeben begriffen, dass er sterben würde, nahm es an, und in ihm änderte sich alles; seine Züge wurden hart, in seinen hellen Augen erschien etwas Schweres, Strenges, Mächtiges, das nichts mehr mit dem Irdischen zu tun hatte.

„Sag mal, Pope, glaubst du, Gott liebt nur die Russen?“, fragte der Kahlköpfige hinter seinem Rücken.

„Gott liebt alle“, sagte Vater Michail deutlich. Er hatte aufgehört zu zittern und sprach feierlich und ruhig, sogar mit einem majestätischen Bass, wie er ihn in Momenten der Inspiration zu haben pflegte. „Dich, ihn und sogar mich, den Sünder, liebt er, und er liebt uns alle gleichermaßen.“

Er hörte selbst, wie seine Stimme kräftiger wurde, spürte Rührung in seinem Herzen, als säße er nicht unter der Mündung eines Sturmgewehrs, sondern hielte eine Predigt in der Kirche. Inspiration ergriff ihn und hob ihn über dieses Feld, über ihn selbst hinweg. Er erkannte darin die Vorahnung des nahen Feuers des Glaubens, von dem er geträumt hatte, und begriff plötzlich, dass man den Gipfel des Dienstes nur erreichen konnte, wenn man dem unausweichlichen Tod ins Auge blickte. „Warum habe ich das früher nicht verstanden?“, fragte er sich.

„Gott liebt alle“, wiederholte Vater Michail, als wollte er diese Worte selbst noch einmal und immer wieder hören.

Seine Brust war von Jubel erfüllt. Er fragte sich, warum er früher so einfache Dinge nicht begriffen hatte, die ihm nun als die allerwichtigste und einfachste Wahrheit erschienen: Gott liebt alle.

„Slawik ist hin“, sagte der Heisere.

Vater Michail blickte in das Gesicht des Toten. In der Dämmerung wirkte das Gesicht feierlich, bläulich, und fügte sich gut in diese Nacht ein. Das eine Auge war geschlossen, während das andere wie ein Loch weiter in den Himmel starrte.

„Mach den Popen nieder, worauf wartest du?“, sagte der Heisere und wandte sich an den anderen.

„Wart, wart nur“, antwortete die Stimme hinter Vater Michails Rücken. „Lass ihn erst einmal reden. Und wenn Gott alle liebt, warum hast du Slawik dann nicht die Sünden vergeben?“

Vater Michail drehte sich um und sah von seiner Körpergröße her auf ihn herab.

„Gott liebt alle“, wiederholte er belehrend. „Aber ich, ein sündiger russischer Pope, nehme Feinden nicht die Beichte ab und spreche kein Absolutionsgebet über ihnen. Ich habe mich jetzt gegen eure Gewalt aufgelehnt. Aber aussegnen werde ich ihn.“

Der Heisere hörte auf zu lächeln, sein Gesicht veränderte sich schlagartig, er spannte die Wangen an und spuckte Vater Michail an.

„Geh schon, du Vieh“, befahl er und griff nach dem Sturmgewehr. „Rauf da! Du wirst dort oben verrecken, damit man deinen stinkenden Kadaver von der Straße aus sehen kann.“

Vater Michail stand auf und begann unter der Mündung des Sturmgewehrs hinaufzuklettern. Er krallte sich in die Erdklumpen, die unter seinen Fingern zerbröselten, er hielt sich an schwachen Grasbüscheln fest, und sie rissen aus der Erde. Er zappelte, kroch zur Straße, und als es ihm gelang, den Damm hinaufzusteigen, lief er nicht weg, sondern blieb am Rand stehen, wobei er dem Heiseren den ganzen Rücken zukehrte, als wünschte er, es ihm leichter zu machen, ihn zu töten.

„Wart, wart nur“, hörte er von unten die Stimme des Kahlen. „Lass ihn noch ein Stückchen weitergehen.“

Tränen liefen über das Gesicht von Vater Michail. Gott liebt alle gleichermaßen, die Russen, die Ukrainer und das kleine Kind in den hellblauen Söckchen. So ist er nun einmal, Gott.

„So ist er nun einmal, Gott!“, rief Vater Michail mit ausgebreiteten Armen, als wolle er den Himmel umarmen.

Er machte einen Schritt auf der Straße und wartete auf den Schuss. Doch der Schuss blieb aus. Er machte einen zweiten, einen dritten Schritt und ging nun mutig weiter, während er wiederholte: „Gott liebt alle. Wenn ich aufstehe, werde ich gerettet. Gott liebt alle.“ Er lachte, seine Seele jubelte. Er hörte noch von unten, wie aus dem Erdreich, eine gedämpfte Stimme: „Wart, wart, lass ihn erst gehen.“ Dann verstummte die Stimme, und Vater Michail bog in Richtung des Dorfes ab. Aus der Dunkelheit trat ihm der unversehrte Glockenturm entgegen. Da lief Vater Michail los. Die ganze Welt verengte sich für ihn zu einem einzigen dunklen Pfad. Die Felder, die Masten und der Himmel lösten sich von ihm ab, außer dem Pfad gab es nichts mehr. Sogar aus dem dunklen Himmel brach ein schmaler Streifen heraus und hing allein über seinem Pfad.

Im Dorf brannte nirgends Licht. Vater Michail blieb vor dem Tor der Kirche stehen, blickte durch die offene Tür auf das im Inneren blinkende Ewige Licht, holte, bevor er eintrat, den Mönchsgürtel aus der Tasche und gürtete sich.